Scheindorfer Kiarbe

Die Kiarbe wird in den sathmarschwäbischen Gemeinden immer am Jahrestag der Einweihung des Gotteshauses gefeiert. So beginnt die Reihe der Kirchweihfeste im April und endet im November. Die schwäbische Kiarbe ist nicht nur ein kirchlicher Feiertag, sondern auch ein schönes Familienfest, halten doch die In den umliegenden Dörfern lebenden Verwandten, Bekannten und Soldatenkameraden mit den Angehörigen am Kirchweihort ein frohes Wiedersehen. Die Scheindorfer in der Heimat, in Deutschland und auch in Übersee begehen diesen Tag am 26. Juli, dem Namensfeste der Mutter Anna. Auch die gastfreundlichen Schwaben aus Scheindorf erwarten an der Kiarbe zahlreiche Gäste. Die Geistlichen und Lehrer der benachbarten Pfarreien beehren den Pfarrherrn sowie den örtlichen Kantor. Der Gottesdienst ist an diesem Festtag besonders feierlich. Ein auswärtiger Priester predigt und zelebriert das Hochamt. Es findet auch ein Umgang statt. Großen Wert legt der Kantor auf den Kirchengesang, wobei er von seinen Kollegen unterstützt wird.

Nach dem Gottesdienst begleiten die Hausfrauen die weiblichen Gäste nach Hause, während die Männer die kühlen Weinkeller aufsuchen, wo ihnen der Wein besonders gut mundet. Wenn sie dann das Mittagläuten vernehmen, lenken auch sie ihre Schritte heimwärts, wo der gedeckte Tisch bereits wartet. Je mehr Gäste die schwäbische Familie bewirten darf, umso größer ist die Freude. Nun wird gespeist. Suppe, gekochtes Fleisch mit Soße, gefülltes Kraut, verschiedene Braten mit Salaten und Kuchen werden nacheinander aufgetischt. Die Gäste müssen, falls sie die Hausfrau nicht beleidigen wollen, von jeder Speise essen. Deshalb ist es ratsam, kurze Zwischenpausen einzulegen, in denen man die Aufmerksamkeit dem Wein schenkt.

Am Nachmittag besuchen die Gäste auch die übrigen Verwandten und Bekannten, oder man verbringt die Zeit Im Weinkeller des Gastgebers. Der Abend gehört dann der Jugend, die sich beim Kiarbetanz vergnügt.

Als Scheindorf im Oktober 1944 evakuiert wurde, nahmen die Einwohner auch die Mutter-Anna-Statue mit, die nach der Überlieferung von den schwäbischen Siedlern aus der Urheimat nach Sathmar gebracht worden war. Jetzt begleitete und beschützte die Schutzherrin die Landsleute auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Die Scheindorfer Schwaben zerstreuten sich nach dem Kriege, die Statue aber fand nach mehreren Zwischenstationen in der Kirche auf dem Gottesberg in Bad Wurzach einen würdigen Platz. Hier treffen sich. die Landsleute aus der Bundesrepublik jedes Jahr zur Kiarbe und bitten die hl. Mutter Anna, daß sie die in aller Welt zerstreuten Scheindorfer Schwaben auch in der Zukunft beschützen möge.

Advent
In den Wohnungen der christlichen Familien des deutschen Sprachraumes werden in der vorweihnachtlichen Zeit die Adventskerzen entzündet als Sinnbild des göttlichen Lichts, das den Menschen Erlösung und ewiges Glück verheißt. In Sathmar ist der Advent gekennzeichnet durch den Besuch der Roratemessen.
Früher als an anderen Werktagen wird die Roratemesse gelesen. In der Dunkelheit des Wintermorgens sieht man die Kirchenbesucher, in der Hauptsache Frauen und Kinder, nicht, nur die flackernden Laternen, die sie in den Händen tragen, nähern sich aus allen Richtungen kommend als gehende Sterne dem Gotteshaus.

Hier werden die Laternen ausgelöscht und die Wachsstöcke angeleuchtet. Es muß nämlich ein jeder, der ins Rorate kommt, einen Wachsstock bei sich haben. So brennt ein Licht nach dem anderen auf, bis sich auch die Kerzen am Altar entzünden, und der Priester mit dem Gottesdienst beginnt.

Schaurig schön empfinden die Kinder die Teilnahme am Rorate in der nur von Kerzen und Wachsstöcken erleuchteten Dorfkirche und sind beglückt, daß sie nur noch wenige Tage von der Geburt des Christkindes trennen.


Karsamstag
In der Früh versammeln sich die Buben mit einem Holzscheit in der Hand vor der Kirche zur Scheiterweihe. Der Mesner oder Kirchenvater zündet das Feuer an und legt die Scheiter darauf. Nun erscheint der Pfarrer und segnet die angekohlten Holzstücke, mit denen die Buben heim eilen. Die geweihten Scheiter verwahrt man auf dem Dachboden oder in der Scheune, denn sie sollen Haus und Hof vor der Feuersbrunst schützen.

Nach der langen Fastenzeit, die unsere Vorfahren sehr ernst genommen haben, strömt nun am Karsamstag ein verführerischer Duft aus der Küche. Es werden nämlich Kuchen und Weißbrot gebacken, Eier gefärbt und Schinken gekocht. An diesem Tag bleibt es aber nur beim Riechen, denn vom Schinken darf nur am Ostersonntag gegessen werden.


Schinkenweihe
Vor dem Hauptgottesdienst am Ostersonntag legt die Mutter in einen mit weißem Tuch ausgeschlagenen Henkelkorb, Krätta genannt, einen gekochten Schinken, Milchbrot, gefärbte Eier und Kren. Dieser wahrlich nicht leichte Speisekorb wird sodann einem kräftigeren Burschen oder einem halberwachsenen Mädchen anvertraut. Die mit dieser ehrenvollen Aufgabe Betrauten eilen nun zur Kirche. Hier nehmen sie in zwei Reihen Aufstellung, bei günstiger Witterung außerhalb des Gotteshauses, stellen die Körbe auf den Boden, schlagen die -Tücher auseinander und warten, den Inhalt der Nachbarkörbe begutachtend, - auf den Geistlichen. Dieser erscheint mit dem Glockengeläute und nimmt die Weihe vor.

Kaum ist der Pfarrer in der Sakristei verschwunden, als auch schon jeder eilig seine Schritte heimwärts lenkt. Die in der Stube versammelte Familie wartet bereits mit Ungeduld auf die Ankunft des „Trägers", denn jetzt gibt es Schinken, Milchbrot und gefärbte Eier zum

Frühstück. Während der Vater den Erwachsenen ein Gläschen Schnaps reicht, schenkt die Mutter den Kindern Kaffee ein. Zuvor wünscht man sich noch ein frohes Osterfest.


Mädlanetza
Während am Ostersonntag die ausgiebigen Mahlzeiten wesentlich zur Feststimmung beitragen, bringt der zweite Feiertag, besonders für die Jugend, viel Freude. Schon in aller Frühe herrscht in den Gassen ein reger Betrieb. Man sieht die Buben, mit einem Fläschchen bewaffnet, einzeln und in Gruppen die Häuser reihum aufsuchen in denen bekannte Mädchen wohnen. Sie bespritzen die Vertreterinnen des zarten Geschlechts, damit „die Blume nicht verwelke", Als Belohnung erhalten die „Netzer" allerlei Gaben: Ostereier, Kleingeld, Gebäck und Obst.

Das Fläschchen ist mit Rosenwasser gefüllt. Durch einen raffinierten Leinwandverschluß schießt der feuchte 'Segen auf die Weiblichen Wesen, die, wenn sie von vielen Verehrern aufgesucht werden, vor Nässe triefen. Zuletzt seien noch die Selbstversorger erwähnt, die ihre Spritzwaffe mit wohlriechendem Seifenwasser füllen.


Hochzeit
Bevor die Hochzeitsleute in die Kirche gehen, beten sie mit den Verwandten und Gästen drei Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Danach nimmt das junge Paar Abschied von den Eltern und Geschwistern. Der Hochzeitszug wird auf dem Weg zur Kirche von der Braut und ihrem Bruder angeführt. Der Bräutigam und seine Schwester bilden das zweite Paar. Die kirchliche Trauung findet in Scheindorf in der Regel am Vormittag statt. Vor dem Verlassen der Kirche schließen Kinder die Kirchenpforte; wer herauskommen will, muß zahlen. Nun geht es heim, im allgemeinen in das Haus der Braut. Auch hier findet man die Türen verschlossen. Auch die Köchinnen, die mit Koch- und Schöpflöffeln sowie mit Gabeln bewaffnet erscheinen, müssen ebenfalls mit Geld zufriedengestellt werden. Nun folgt das gemeinsame Mittagessen. Am Nachmittag schwingen die Paare das Tanzbein. Während des Abendessens stiehlt jemand die Schuhe der Braut. Da sie ohne Schuhe nicht tanzen kann, ist der Pate gezwungen, sie vom „Dieb" abzukaufen. Kurz vor Mitternacht findet der Brauttanz statt. Jeder, der mit der Braut tanzt, muß etwas für das „Wieagabändl" zahlen. Um Mitternacht wird der Braut der Kranz abgenommen, gebetet und ihr ein weißes Kopftuch überreicht. Damit ist das Brautpaar in den Kreis der Eheleute aufgenommen. Anschließend wird weiter getanzt.


Maibaumstecken
Der Maibaum der Scheindorfer Schwaben ist die Birke. Die Burschen „stecken" in der Nacht zum 1. Mai vor das Haus Ihrer Liebsten zum Zeichen der Freundschaft einen Maibaum. Handelt es sich dabei um eine Braut, so wird die Birke mit bunten Bändern geschmückt. Ist der Vater des Mädchens dem Freund wohl gesonnen, so bewirtet er diesen und seine Helfer.

Man denkt an diesen Tagen nicht nur an Liebe und Freundschaft, sondern auch an den Schöpfer. Deshalb „stecken" die Jugendlichen vier Maibäume an die Kirche, je zwei an das Kirchenkreuz sowie an die Flurkreuze.


Funkensonntag

D'Fasnet ischt rum,
d'Mädla send krumm!

So heißt es am Aschermittwoch, dem Beginn der strengen Fastenzeit. Wenn auch die närrische Zeit vorbei ist, trifft sich die Jugend, ja die ganze Dorfgemeinschaft doch noch einmal am Funkensonntag beim "Scheibenschlagen".

Wie bei anderen Veranstaltungen, so liegt die Organisation auch am Funkensonntag in den Händen der Gemusterten. Bereits am Nachmittag fahren sie von Haus zu Haus, um Stroh für den Funken einzuholen. Auf der Hutweide wird das Gesammelte zu zwei Haufen, dem kleinen und dem großen Funken, aufgeschichtet.

Sobald es dunkelt, ziehen Burschen und Mädchen als die Hauptbeteiligten hinaus, aber bald treffen auch die Erwachsenen und Kinder als Zuschauer ein. Nachdem alles versammelt ist, wird beim Gebetläuten zunächst der kleine Funken angezündet. Danach beten die Anwesenden ein Vaterunser. Nun schreiten die Burschen zum großen Funken, der lichterloh brennt, machen auf lange Stangen aufgesteckte Buchenscheiben glühend, klopfen sie ab und schlagen sie auf ein schräg aufgestelltes Brett so auf, daß sie in weitem Bogen in die dunkle Nacht hinausfliegen.

Die ersten Scheiben schlägt man zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit und der Dorfvorsteher, die weiteren gelten den Herzallerliebsten. Ist die Scheibe für den Richter bestimmt, so ruft der scheibenwerfende Bursche:

"Scheiben, Scheiben aus und ein, dia Scheib'
soll dem Herrn Richter sein!"


Fragt der Bursche:

"Scheibi, Scheibei,
i wiam soll dia Scheib sei?"

so antwortet ein anderer:

"Dia Scheib soll sei is Rothamichls Franz
und i dr Wenzes Mädla"


Fällt die Scheibe dann auch noch brennend zu Boden, so werden die Genannten bis zur nächsten Fasnet ein Paar.

Das gespendete „Funkengeld" kommt den Gemusterten zugute, die zum Schluß die Weinkeller aufsuchen, um den „Funken zu löschen".